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Deutsch-Serbischer Jugendaustausch
Die Vorgeschichte
Am Mitarbeiterwochenende Anfang des Jahres 2004 wurde beschlossen, einen internationalen Jugendaustausch auf die Beine zu stellen, um über den eigenen Tellerrand hinaus nach Europa zu schauen. Eine Partnerorganisation war noch nicht in Sicht. So machten wir uns auf die Suche. Viele E-mails und Telefonate wurden mit anderen Naju-Gruppen ausgetauscht, die bereits Jugendaustausche organisiert hatten: mit Ungarn, Weißrussland, Portugal und der Türkei. Achim Riemann von JANUN (Jugendumweltbüro Hannover) berichtete uns schließlich so begeistert von seinen Erfahrungen in Serbien, dass wir uns davon anstecken ließen. Er erzählte von Otpor, einer Wiederstandbewegung, die sich unter dem Milocevic-Regime gegründet hat; von den kleinbäuerlichen Strukturen und einer alten Kulturlandschaft, in der sich die Menschen in den Dörfern noch selbst versorgen; von den Pflaumenbäumen, die in jedem Garten wachsen; von den Menschen, die wahre Überlebenskünstler sind. Und wir erfuhren, dass es in Kragujevac eine Organisation gibt, deren Mitglieder sich regelmäßig treffen, um in den Bergen zu wandern und sich für die Belange der Natur einzusetzen. „Zezelj“, wie die Gruppe heißt, suchte nach einer deutschen Partnerorganisation für einen interkulturellen Austausch. Wir nahmen Kontakt auf und wurden gleich für den Sommer 2005 nach Serbien eingeladen. Die Naju Bundesgeschäftsstelle unterstützte uns bei der Beantragung von Zuschüssen und so nahm die Sache ihren Lauf.
Die Reise
Als wir uns Ende Juli 2005 mit dem Nachtzug auf den Weg nach Serbien machten, wußten wir nicht, was uns erwartet. Unsere Gruppe bestand aus 11 deutschen Teilnehmern. Darunter waren nicht nur Mitglieder der Naju Essen/Mülheim, sondern auch andere junge Leute aus der ganzen Bundesrepublik. Die meisten waren noch nie in Südosteuropa gewesen und sehr gespannt auf Serbien. Was wußten wir schon über dieses Land? Während der Zugfahrt erinnerten uns die regelmäßigen Passkontrollen an den Grenzübergängen daran, dass Europa und Europa nicht das Gleiche ist. Spätestens im Laufe des Abends hatten sich alle kennengelernt, auch die, die nicht beim Vortreffen dabei waren. Als wir am nächsten Morgen aufwachten und aus dem Fenster schauten, stand der Zug in einem Bahnhof irgendwo in Slowenien; andere Landschaft, flimmernde Hitze; später Kroatien, Serbien. In Belgrad dann plötzlich Hochhäuser, viele Menschen – eine echte Großstadt eben. Am Bahnhof erwartete uns Milan. Ihn hatten wir schon kennengelernt. Er war im Mai in Hannover bei einem Seminar von JANUN und kam für zwei Tag nach Essen. Gemeinsam fuhr er jetzt mit uns mit dem Bus von Belgrad nach Kragujevac. Dort wurden wir auch von den anderen Zezelj-Mitgliedern empfangen. Unsere Rucksäcke packten sie kurzerhand in die vorhandenen Autos und fuhren zum Studentenwohnheim, in dem wir untergebracht waren. Wir machten einen Spaziergang dorthin und bekamen einen ersten Eindruck von dieser fremden Stadt.
Kragujevac und unsere Zeit mit Zezelj
Nachdem wir uns auf die Zimmer im Studentenwohnheim verteilt und von der Reise ausgeruht hatten, kamen einige Mitglieder von Zezelj vorbei, um uns etwas zum Abendessen zu bringen und mit uns das Programm zu besprechen. Die Mutter von Milan und Milena hatte ein köstliches Gebäck vorbereitet, das wir in kurzer Zeit aufgegessen hatten. Auch in den nächsten Tagen hat sie für uns gekocht. Für die ganze Gruppe! Jeden Tag! Entgegen dem Vorurteil, dass in Serbien nur Fleisch gegessen wird, verwöhnte sie uns mit frischen Salaten, leckeren Suppen und Kaimak (lokale hausgemachte Frischkäse-Spezialität). In jeder Hinsicht fühlten wir uns willkommen und herzlich aufgenommen. Wir lernten sehr viel über die serbische Kultur, die Menschen und die Geschichte. Das Programm, das Rasha, Ivan, Milan, Milena, Anja und die anderen für uns vorbereitet hatten war so vielfältig und interessant, dass es kaum möglich ist, alles wiederzugeben.
Wir besuchten eine Gedenkstätte und erfuhren wie deutsche Wehrmachtssoldaten im zweiten Weltkrieg Massaker an Tausenden serbischen Kindern und jungen Männern verübten. Wir besichtigten verschiedene orthodoxe Klöster, in denen die serbische Kultur während der Herrschaft des osmanischen Reiches bewahrt wurde. Wir lernten, dass Kragujevac genauso wie Essen eine Industriestadt im Wandel ist, wenn auch unter völlig anderen Bedingungen. Wir wanderten in den Bergen rund um Kragujevac und bewunderten den Strukturreichtum und die Artenvielfalt der Natur, wie es sie in Deutschland nicht mehr gibt. Wir lernten unterschiedliche Menschen kennen, die uns sehr beeindruckten. Ein altes Ehepaar in einem Dorf in den Bergen, das wir zufällig trafen, lud uns zu einem Glas Wasser und Konfitüre ein. Sie zeigten uns wie sie leben und ihr kleines Stückchen Land bewirtschaften. Beeindruckend war auch die Atmosphäre in der Stadt Kragujevac. Obwohl der Krieg erst wenige Jahre vorbei ist, gibt es sehr viel Fröhlichkeit und Zuversicht. Viele kleine Straßencafes erinnerten uns an mediterrane Orte. Im Gegensatz zu Essen sind die Menschen in Kragujevac im Sommer auch am Abend noch draussen.
Natürlich kam auch der Spaß nicht zu kurz. Während einer zweitägigen Rafting-Tour auf dem Fluß Lim von Montenegro nach Serbien manövrierten wir undichte Schlauchboote actionreich durch Stromschnellen und ließen uns in ruhigeren Flussabschnitten freiwillig zum baden ins Wasser fallen. Bald gab es nicht mehr die serbische und die deutsche Gruppe, sondern eine große gemeinsame Gruppe. Auch wenn nicht alle perfekt Englisch sprachen, kommunizierten wir miteinander ohne Probleme.
Vor allem die Rafting-Tour machte uns auf ein großes Umweltproblem in Serbien aufmerksam: Müll. Da es gerade in den ländlichen Gebieten kein systematisches Entsorgungssystem gibt, werfen die Menschen ihren Müll oftmals einfach in den Fluss oder in den Wald. Weiter flußabwärts sammelten wir entlang des Flussufers säckeweise Müll ein, ohne dass ein Ende abzusehen gewesen wäre. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Etwas bange wurde uns schon, als plötzlich am Ufer ein alter verrosteter Panzer aus dem Sand herausragte. Direkt daneben sprangen fröhliche Kinder ins Wasser. Auch in den Wäldern begegneten uns immer wieder wilde Müllhalden und verrostete Autos. Wir beschlossen ein gemeinsames Projekt zum Thema Recycling zu erarbeiten.
Als wir schließlich Abschied nehmen mussten, waren wir sehr traurig, voller Eindrücke und Vorfreude auf das Wiedersehen.
Wie es weiter geht
Für Juli/August 2006 haben wir die serbische Gruppe nach Deutschland eingeladen. Gemeinsam wollen wir weiter an unserem Projekt arbeiten, den Nationalpark Eifel erkunden und uns besser kennen lernen. Natürlich sollen die Mitglieder von Zezelj auch das Ruhrgebiet, seine Geschichte und Bewohner erleben. Zuschüsse vom Bundesministerum für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ermöglichen den Aufenthalt unserer Partnergruppe in Deutschland. Für die Reisekosten werden noch Sponsoren gesucht. |
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